Die Rolle Deutschlands als Motor der europäischen Wirtschaft ist in Gefahr. Das Wirtschaftswachstum ist seit 2019 weitgehend zum Erliegen gekommen, da das Land mit tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen zu kämpfen hat: eine alternde Bevölkerung, ein angespannter Arbeitsmarkt, ein sinkendes Produktivitätswachstum und ein noch nie dagewesenes Niveau wirtschaftspolitischer Unsicherheit.
Auch die öffentlichen Investitionen in Bildung und Infrastruktur reichen nicht aus, um den bestehenden Kapitalstock, beispielsweise Straßen und Schienen, zu erhalten. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert für den Rest des Jahrzehnts ein durchschnittliches jährliches Wachstum des Produktionspotenzials von nur 0,3 % – nur noch ein Viertel der durchschnittlichen Rate der 2010er Jahre. Im Vorfeld der vorgezogenen Neuwahlen am 23. Februar zeigten Umfragen, dass die wirtschaftliche Entwicklung bei den Wählerinnen und Wählern ganz oben steht.
Zwar haben externe Veränderungen zu Deutschlands derzeitiger Malaise beigetragen, doch der wichtigste Faktor ist in den langfristigen Trends zu suchen, die auf der deutschen Wirtschaft lasten. Ohne mutige, koordinierte Maßnahmen sowohl des öffentlichen als auch des privaten Sektors könnte Deutschland mit einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation und einem stetigen Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit konfrontiert sein und wieder einmal, wie der Economist vor fast einem Vierteljahrhundert titelte, „the sick man of Europe“ werden.
Wie konnte der wirtschaftliche Ausblick für Deutschland so düster werden?
In den gesamten 2010er Jahren war die deutsche Wirtschaft ein Leuchtturm der Stabilität und des Wachstums. Die starke industrielle Basis und die wettbewerbsfähigen Exporte bildeten ein solides Fundament wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit, das es dem Land ermöglichte, sich selbst von dem COVID-19-Schock schnell zu erholen.
Was hat sich also geändert? Die Ursache für die wirtschaftlichen Herausforderungen in Deutschland liegt in der starken Abhängigkeit vom Verarbeitenden Gewerbe. Obwohl die Rolle des Verarbeitenden Gewerbes in den letzten Jahrzehnten weltweit abgenommen hat und sich viele fortgeschrittene Volkswirtschaften auf dienstleistungs- und technologieorientiertes Wachstum verlagert haben, hat sich Deutschland nur langsam an diese Veränderungen angepasst. Infolgedessen hat sich das deutsche Verarbeitende Gewerbe, einst eine Säule wirtschaftlicher Stärke, zu einer Belastung entwickelt, da zunehmende geopolitische Spannungen, sich verändernde Handelsmuster und fragile Lieferketten das exportorientierte Wachstumsmodell des Landes zunehmend unter Druck setzen.
Es ist verständlich, dass Deutschland zögert, ein Wirtschaftsmodell zu verändern, das so lange so gut funktioniert hat. Über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts war das Verarbeitende Gewerbe ein wichtiger Wachstumsmotor, da es enorm von der Globalisierung und der steigenden Importnachfrage aus Schwellenländern wie China profitierte. Doch die deutschen Unternehmen sehen sich nun einem immer schärferen Wettbewerb auf Märkten gegenüber, die sie einst dominierten. In der Zwischenzeit ist Deutschland bei der Entwicklung von Hightech- und dienstleistungsorientierten Sektoren hinter seinen Konkurrenten zurückgeblieben und seine Position in anderen wissensintensiven Branchen hat ebenfalls gelitten.
Hemmnisse für Wirtschaftswachstum
Die zunehmende wirtschaftspolitische Unsicherheit, durch die die Unentschlossenheit noch verschärft wird, ist nur der jüngste Grund zur Besorgnis. Verzögerte Reformen und unklare wirtschaftspolitische Strategien haben bei Unternehmen und Finanzakteuren Verwirrung gestiftet, was private Investitionen dämpfen und die Fähigkeit des Landes zur Anpassung an die neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten behindern dürfte. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zeigt, dass die wirtschaftspolitische Unsicherheit neben den Arbeitskosten und den Energie- und Rohstoffpreisen zu den größten Sorgen der Unternehmer gehört (siehe Abbildung 1).
Die zunehmende Besorgnis deutscher Wirtschaftsführer über Arbeitskosten und Arbeitskräftemangel ist verständlich. Die Arbeitskosten in Deutschland gehören zu den höchsten der Welt, was vor allem auf den anhaltenden Arbeitskräftemangel zurückzuführen ist, der die Wettbewerbsfähigkeit des Landes in arbeitsintensiven und preissensiblen Sektoren beeinträchtigt. Langsames Produktivitätswachstum und steigende Löhne haben die Arbeitskosten weiter in die Höhe getrieben. Wie Abbildung 2 zeigt, haben sich die Lohnstückkosten in Deutschland im Vergleich zu anderen großen europäischen Volkswirtschaften wie Frankreich und Spanien verschlechtert, was den Wettbewerbsvorteil des Landes schmälert.
Was an diesen Entwicklungen so frustrierend ist, ist, dass sie angesichts der demografischen Trends weitgehend vorhersehbar waren. Der Arbeitskräftemangel im Land, der durch eine schnell alternde Bevölkerung verursacht wird, ist seit Jahrzehnten bekannt, aber es wurde wenig getan, um seine Auswirkungen abzumildern.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Bevölkerungsalterung in den nächsten 15 Jahren beschleunigen dürfte, da immer mehr Babyboomer das Rentenalter erreichen. Prognosen legen nahe, dass sich der Altenquotient – der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20-64 Jahre) – zwischen 2000 und 2035 fast verdoppeln wird. Im Jahr 2022 kamen in Deutschland etwa drei Personen im erwerbsfähigen Alter auf eine Person im Alter von 65 Jahren oder älter. Bis 2040 wird diese Zahl voraussichtlich auf nur noch zwei sinken, da die anhaltend niedrigen Geburtenraten und die steigende Lebenserwartung das demographische Profil des Landes verändern.
Ältere Arbeitnehmer haben eine deutlich niedrigere Erwerbsquote und arbeiten pro Kopf weniger Stunden, was die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte weiter verringert. Deutschland liegt hierbei selbst hinter Ländern mit ähnlicher demografischer Struktur zurück, insbesondere bei den Arbeitnehmern über 50. Bei den 50-74-Jährigen liegt die Erwerbsquote in Deutschland bei 56,7 %, verglichen mit 59 % in Schweden und über 65 % in Japan, Norwegen und Neuseeland. Diese Diskrepanz ist größtenteils auf das deutsche staatliche Rentensystem zurückzuführen, das es einigen Arbeitnehmern ermöglicht, mit 63 Jahren in Rente zu gehen, was starke Anreize für ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben schafft. Die wirtschaftliche Stagnation verschärft diesen Mangel zusätzlich, da Unternehmen, die unter finanziellem Druck stehen, häufig mit der Entlassung älterer Arbeitnehmer reagieren.
Wie die DIHK-Umfrage zeigt, sind die hohen Energie- und Rohstoffkosten ein weiteres großes Hindernis für die Geschäftstätigkeit in Deutschland. Die Energiepreise – insbesondere für Strom und Gas – gehören zu den höchsten in Europa und sind deutlich höher als in anderen Regionen, was eine ernsthafte Herausforderung für energieintensive Branchen wie die Chemie- und Stahlindustrie darstellt.
Obwohl die Energiepreise seit ihrem Rekordhoch im Jahr 2022 gesunken sind, liegen die Strom- und Erdgaspreise für Großkunden in Deutschland weiterhin über den europäischen und weltweiten Durchschnittspreisen. Im ersten Halbjahr 2024 zahlten energieintensive deutsche Unternehmen rund €0.16 ([LINK:076736830c10d8f00bd0ea32eaaec6df].17) pro Kilowattstunde Strom – und damit deutlich mehr als der EU-Durchschnitt von 0,13 Euro pro kWh.
Die Erdgaspreise haben sich ähnlich entwickelt, da Flüssigerdgasimporte zu Weltmarktpreisen die billigeren russischen Lieferungen ersetzt haben. Steigende Kosten haben die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte untergraben und Unternehmen dazu veranlasst, ihre Produktion in günstigere Regionen zu verlagern.
Die hohen Energiepreise schaden nicht nur den bestehenden Industrien, sondern behindern auch die Entwicklung neuer Sektoren. So wird beispielsweise erwartet, dass der Bedarf an Rechenzentren im Zuge der rasanten Entwicklung von Technologien der künstlichen Intelligenz stark ansteigen wird. Solange die Strompreise in Deutschland jedoch über dem EU-Durchschnitt liegen, werden KI-Unternehmen und andere weiterhin nach kostengünstigeren Lösungen in anderen Ländern suchen.